Kundgebung „Saarbrücken bleibt Antifa“ am 24.01.26 – Dokumentation von zwei Reden

Am 27.01.26 protestierten ca. 300 Menschen gegen einen Naziaufmarsch in Saarbrücken. Die Demo der Faschisten wurde von einer Gruppe „Saarland bewahren“ durchgeführt und von Antifaschist:innen massiv blockiert. Diese Aktionen trugen maßgeblich dazu bei, dass weitere geplante und angemeldete Naziaufmärsche in Saarbrücken und Kaiserslautern abgesagt wurden.

Wir dokumentieren zwei Reden von der Kundgebung am 27.01.26:

1) Rede einer SDAJlerin:

Für Remigration und Heimatliebe. Unter diesem Motto wird heute am Hauptbahnhof demonstriert.

Man redet heutzutage von Remigration, als wäre es ein Verwaltungsakt. Ein Wort aus dem Büroflur des Kapitals, sauber, kühl, scheinbar sachlich. Jedoch ist das für jede Person mit einem Stückchen Empathie offensichtlich ideologische Tarnung. Wenn man genau hinschaut, geht es nicht um Ordnung, nicht um Kultur und ganz sicher nicht um Sicherheit. Es geht um Macht. Und darum, die Wut über reale soziale Probleme auf diejenigen abzuwälzen, die am wenigsten davon verursacht haben. Es geht um Familien die auseinandergerissen werden, Kinder die in ein Land abgeschoben werden dessen Sprache sie nicht verstehen.

Rassismus in Deutschland fällt nicht vom Himmel. Er ist kein Betriebsunfall der Geschichte und kein Missverständnis zwischen Kulturen. Er ist ein Werkzeug. Ein Mittel, um Spaltung zu betreiben, um Ausbeutung zu stabilisieren und um von den tatsächlichen Widersprüchen dieses Systems abzulenken. Während Löhne gedrückt, Mieten erhöht und soziale Sicherheiten abgebaut werden, zeigt man mit dem Finger auf Migrantinnen und sagt: das ist das Problem. Praktisch. Bequem. Altbewährt.

Diese MigrantInnen, von denen man da redet werden immer wieder entmenschlicht. Der Grund, warum sie migrieren wird verschwiegen.

Vor über dreißig Jahren kamen meine eigenen Eltern nach Deutschland, genau wie andere Menschen, viele von ihnen aus Kriegs- und Krisengebieten. Sie landeten nicht in einem „neuen Zuhause“, sondern in Asylheimen wie dem in Lebach. Orte, die offiziell Schutz versprachen, praktisch aber oft das Gegenteil lieferten. Enge Zimmer, fehlende Privatsphäre, permanente Kontrolle. Und eine Atmosphäre, in der klar war: Ihr seid hier geduldet, nicht willkommen.

Meine Eltern erzählten mir viele Geschichten über die Jahre. Davon, wie Familien auseinandergerissen wurden. Nicht, weil sie etwas verbrochen hatten, sondern weil Bürokratie entschied, dass der Vater in dieses Land abgeschoben gehört, die Mutter in ein anderes, die Kinder irgendwo dazwischen. Leben wurden nicht mit Gewalt zerstört, sondern mit Formularen, Fristen und Stempeln. Sauber. Ordentlich. Deutsch.

Viele dieser Menschen kamen bereits traumatisiert an. Sie hatten Krieg erlebt, Verfolgung, Verlust. Und statt Ruhe zu finden, wurden sie erneut verunsichert. Durch Unsicherheit über den Aufenthaltsstatus. Durch die ständige Angst vor Abschiebung. Durch eine Gesellschaft, die sie oft nicht als Menschen, sondern als Problem betrachtete.

Das ist kein bedauerlicher Einzelfall der Vergangenheit. Das ist der Kontext, in dem heutige Debatten über Remigration stehen. Wer so tut, als ginge es nur um „Rückführung“ oder „Ordnung“, blendet bewusst aus, was diese Politik real bedeutet: erneute Traumatisierung, erneute Entwurzelung, erneutes Zerbrechen von Leben.

Diese Geschichten sind nicht alt. Sie sind nicht abgeschlossen. Sie sind Teil der deutschen Realität. Und wer heute Remigration fordert, sollte den Mut haben, sich dieser Realität zu stellen, statt sie hinter kalten Begriffen zu verstecken.

Und heute stehen wir wieder an genau diesem Punkt. In Saarbrücken wollen Menschen unter dem Motto Remigration auf die Straße. Nicht irgendwo am Rand, sondern sichtbar, zentral, am Bahnhof. Genau dort, wo jeden Tag Menschen ankommen, umsteigen, weiterleben. Das ist kein Zufall, das ist eine Botschaft.

Wichtig ist dabei etwas, das viele lieber verdrängen: Das sind nicht nur überzeugte Rassistinnen oder offen menschenfeindliche Ideologinnen. Ja, die gibt es auch. Die sind laut, organisiert und wissen sehr genau, was sie tun. Aber sie sind nicht allein. Ein großer Teil dieser Menschen sind Bürger*innen, die in eine Erzählung hineingezogen wurden. In die Dauerbeschallung der Springerpresse. In Schlagzeilen, die Probleme vereinfachen, Schuldige benennen und dabei immer nach unten treten. Sie sind in eine Falle gegangen.

Denn statt den Staat, statt Eigentumsverhältnisse, statt Lohndruck, Wohnungsmangel und soziale Unsicherheit als das zu erkennen, was sie sind, nämlich strukturelle Probleme eines Systems, wurde ihnen ein anderes Bild verkauft. Das Bild, dass Migrantinnen, Geflüchtete, Menschen ohne deutschen Pass der Grund für all das seien. Ein alter Trick der Herrschenden. Teile und herrsche. Spalte die Arbeiterinnenklasse, damit sie bloß nicht gemeinsam nach oben schaut.

Und es bleibt nicht bei den Demos. Es bleibt nicht bei den Parolen auf dem Platz. Diese Hetze sickert in unseren Alltag. Über Freundinnen, die „es ja nicht so meinen“. Über den schnellen Witz am Küchentisch. Über den Kommentar über die Mutter, die kein perfektes Deutsch spricht. Über das Augenrollen, das Schweigen, das Mitlachen. Menschen, die sich selbst für unpolitisch halten, werden zu Trägerinnen dieser Ideologie.

So funktioniert Rassismus. Nicht nur durch offene Gewalt, sondern durch Normalisierung. Durch Weiterreichen. Durch das Gefühl, man sage ja nur, was man noch sagen dürfe. Und plötzlich steht man Seite an Seite mit Menschen, die Remigration fordern, und merkt nicht einmal, wie man dort gelandet ist.

Das ist das eigentlich Gefährliche. Nicht der offene Hass allein, sondern die alltägliche Weitergabe. Die Freunde unter uns, die Kolleginnen, die Nachbarinnen, die diese Erzählungen reproduzieren und damit den Boden bereiten. Genau deshalb müssen wir darüber sprechen. Klar. Offen und ehrlich. Und ohne so zu tun, als wäre das alles ein Missverständnis.

Und deshalb endet diese Rede nicht mit einem Appell an Vernunft, der höflich um Aufmerksamkeit bittet. Dafür ist die Lage zu real. Remigration ist keine Meinung, die man mal ausprobiert. Sie ist eine Drohung. Gegen Menschen. Gegen Solidarität. Gegen die Idee, dass wir mehr sind als verwaltete Arbeitskräfte mit austauschbaren Pässen.

Wer heute auf Plätzen steht und Remigration fordert, steht nicht außerhalb dieser Gesellschaft, sondern mitten in ihr. Und genau deshalb tragen wir Verantwortung. Dafür, Widerspruch zu leisten. Dafür, Hetze nicht weiterzutragen. Dafür, nicht bei Witzen zu schweigen, nicht wegzusehen, wenn aus Sprache Politik wird und aus Politik Gewalt.

Die Spaltung unter uns Arbeiter*innen ist kein Naturgesetz. Sie ist gemacht. Und was gemacht ist, kann auch beendet werden. Nicht durch Anpassung, nicht durch Schweigen, sondern durch Solidarität. Durch das klare Benennen der wahren Ursachen. Durch den Blick nach oben, nicht nach unten.

Die Frage ist nicht, wer hierher gehört. Die Frage ist, wem dieses System dient. Und solange Menschen nach Herkunft sortiert werden, statt nach Bedürfnissen gehört zu werden, ist Widerstand keine Option, sondern Pflicht.

2) Rede von Thomas Hagenhofer, Landesvorsitzender der DKP:

Liebe Antifaschist:innen,

wir stellen uns heute Neonazis in den Weg, die hier in Saarbrücken demonstrieren wollen unter der Überschrift: „Gegen Linksextremismus. Für Remigration. Für Heimatliebe.“

Unter ähnlichen Losungen demonstriert dieser rassistische Mob seit etlichen Monaten durch unsere Region. Sie hetzen gegen Migrant:innen, die LGBTQ+-Community und Linke. Sie sind frauenfeindlich, demokratiefeindlich, gewerkschaftsfeindlich und überhaupt menschenfeindlich. Versalzen wir ihnen ihre braune Suppe!

Unbedarfte könnten sich nun fragen: Wieso dürfen diese Leute seit Jahrzehnten in Deutschland ihr Unwesen treiben? Trotz NS-Verbrechen, trotz Holocaust, trotz NSU.

Die Antwort könnte manche Mitbürger:innen verunsichern: Weil die Herrschenden in diesem Land immer gerne ein paar Nazis in der Hinterhand haben, für den Fall, dass es ihnen mal wieder notwendig erscheint.

Wenn es aus ihrer Sicht wie 1933 wieder notwendig wird, die Profitinteressen des Kapitals vor Revolutionär:innen zu schützen.

Wenn es wieder notwendig wird, Gewerkschaften zu verbieten, weil die konsequent die Interessen der Arbeitenden durchsetzen wollen.

Wenn es wieder notwendig wird, die Volksgemeinschaft gegen den Feind im Osten zu schmieden.

Wenn es sich wieder lohnt, für Extraprofite durch Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Gebietseroberungen den Schein der bürgerlichen Demokratie aufzugeben.

Nein, dass Neonazis, dass die AfD heute Auftrieb bekommen, ist kein Zufall. Das große Kapital braucht sie schon heute zur Verschiebung der politischen Achse nach rechts. Sie sorgen dafür, dass ein großer Teil der Arbeiter:innenklasse gegen ihre Interessen mobilisiert wird, statt Antworten auf die Krisen unserer Zeit und ihre Misere bei linken Kräften zu suchen.

Es ist immer dasselbe Spiel: Wenn das Kapital keinen anderen profitträchtigeren Ausweg mehr sieht, dann werden die Faschisten an die Macht gebracht.

Wir erleben doch schon jetzt, wie unsere Grundrechte immer stärker eingeschränkt werden, wie Berufsverbote wieder eingeführt werden gegen Klimaschützer:innen und mit Palästina solidarische Menschen. Wie das Versammlungsrecht und Polizeigesetze weiter verschärft werden. Es ist genau so wie die im Saarland geborene Antifaschistin Esther Bejarano sagte:

„Wer gegen Nazis kämpft, der kann sich auf den Staat nicht verlassen!“

Und das ist auch erklärbar: Parteien wie die AfD sind doch Fleisch vom Fleische der Neokonservativen in der Union. Die machen doch schon längst im EU-Parlament gemeinsame Sache mit den Faschisten. Eine Brandmauer zwischen bürgerlichen Parteien und den Faschisten gab es noch nie. Sie müssen dazu gezwungen werden, nicht mit der AfD zu kuscheln.

Deshalb, liebe Antifaschist:innen, sind wir heute hier.

Ich zitiere den von den USA ermordeten Präsidenten Chiles Salvador Allende. In seiner letzten Rede unter Beschuss durch das putschende Militär sagte er: „Überlasst nichts den Faschisten! Hier nicht und dort nicht. Den für die Faschisten hört der Spaß immer da auf, wo unsre Freiheit anfängt!“

Stoppen wir die Faschisten, bevor es zu spät ist! Zeigen wir Courage und Solidarität mit allen Menschen, die durch diese Brut bedroht werden! Schließen wir uns zusammen gegen rechts, gegen Kriegsvorbereitung, gegen Mietenwahnsinn und Sozialabbau – gegen jede Rechtsentwicklung – ob sie von der AfD, der CDU oder der SPD ausgeht. Macht z. B. mit im Bündnis solidarische Linke, unserem Personenbündnis gegen den rechten Zeitgeist und für internationale antikoloniale Solidarität.

Wenn wir gemeinsam kämpfen, können wir den Spuk beenden! No pasaran und Glück auf!

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